Kaum eine Pflanze wird in den Wechseljahren so einheitlich beworben wie die Yamswurzel. Das Versprechen lautet fast überall gleich: Sie enthalte eine Vorstufe von Progesteron, der Körper baue daraus sein eigenes Hormon, und deshalb sei sie die natürliche Antwort auf einen Progesteronmangel.
Dieses Versprechen hat einen wahren Kern und einen entscheidenden Fehler. Beides ist es wert, genau angeschaut zu werden — auch weil die Yamswurzel in einer ganz anderen Tradition einen echten Platz hat, von dem hierzulande kaum jemand spricht.
Was tatsächlich in der Wurzel steckt
Der Stoff, um den es geht, heißt Diosgenin. Es ist ein Saponin, ein Pflanzenstoff mit einem Grundgerüst, das dem von Steroidhormonen ähnelt. Wer sich die Strukturformeln nebeneinanderlegt, sieht auf den ersten Blick, warum diese Pflanze im letzten Jahrhundert so viel Aufmerksamkeit bekam.
Diese Ähnlichkeit ist der wahre Kern der Geschichte. Sie hat allerdings mit Chemie zu tun und mit dem, was sich in einem Labor daraus machen lässt.
Die Geschichte, aus der der Mythos entstanden ist
In den vierziger Jahren arbeitete der amerikanische Chemiker Russell Marker daran, Steroidhormone bezahlbar herzustellen. Progesteron kostete damals ein Vermögen, weil es aus tierischen Organen gewonnen wurde. Marker fand einen Weg, Diosgenin über mehrere chemische Schritte in Progesteron zu überführen — ein Verfahren, das bis heute Marker-Abbau heißt.
Als Rohstoff diente ihm eine mexikanische Yamsart. Er zog nach Mexiko, gründete dort das Unternehmen Syntex, und die Hormonpreise fielen ins Bodenlose. Auf dieser Grundlage entstanden später die Antibabypille und ein großer Teil der modernen Hormontherapie.
Die Yamswurzel steht also tatsächlich am Anfang der Hormonmedizin. Der Weg dorthin führte über einen Chemiker, Reagenzien und Hitze.
Warum der Körper diesen Schritt nicht geht
Der Marker-Abbau ist eine mehrstufige chemische Umsetzung unter Bedingungen, die im menschlichen Körper nirgends vorkommen. Uns fehlen die Enzyme, die diese Schritte übernehmen könnten.
Die Verbraucherzentrale formuliert es unmissverständlich: Die im Labor praktizierte Umwandlung kann im menschlichen Körper nach der Einnahme gar nicht erfolgen.
Das gilt unabhängig davon, wie das Diosgenin in den Körper gelangt. Es gilt für Kapseln und ebenso für Cremes. Wenn die Umwandlung im Organismus nicht stattfindet, ändert der Aufnahmeweg daran nichts.
Wer also ein Yams-Präparat kauft, weil daraus im Körper Progesteron werden soll, kauft eine Erzählung. Die Erzählung ist gut gebaut, historisch anschlussfähig und stimmt in ihrem Ausgangspunkt. Ihr entscheidender Schritt fehlt.
Das Wort, an dem der Mythos hängt
Der ganze Irrtum steckt in einem einzigen Begriff: Vorstufe. Im Alltagsverständnis bedeutet Vorstufe, dass etwas fast schon fertig ist und nur noch einen kleinen Schritt braucht — so wie Betacarotin, aus dem der Körper tatsächlich Vitamin A macht. Diese Analogie liegt nahe und stimmt hier gerade nicht.
In der Chemie heißt Vorstufe etwas anderes: Ausgangsstoff für eine Synthese. Erdöl ist eine Vorstufe von Kunststoff, und niemand käme auf den Gedanken, dass daraus im Magen eine Plastiktüte wird. Bei Diosgenin und Progesteron liegt genau dieser Fall vor.
Wer beim Lesen einer Produktbeschreibung auf dieses Wort achtet, kommt bei pflanzlichen Mitteln erstaunlich weit.
Was das für Yams-Präparate bedeutet
Ein Blick auf die Zulassungsseite ist aufschlussreich. Für gesundheitsbezogene Aussagen zu Wild Yam in der Menopause liegt in der EU seit 2008 ein Antrag vor, über den bis heute nicht entschieden wurde. Die Studienlage dazu wird als eher bescheiden beschrieben.
Das ist etwas anderes als der Nachweis, dass nichts geschieht. Frauen berichten durchaus von Veränderungen. Die Frage ist, worauf sie zurückgehen — auf den beworbenen Mechanismus jedenfalls nicht.
An unerwünschten Wirkungen sind vor allem Verdauungsbeschwerden beschrieben, was bei einem saponinreichen Wurzelpulver wenig überrascht.
Eine eigene Erwähnung verdienen die Wild-Yam-Cremes, die oft als natürliche Progesteroncreme angeboten werden. Für sie gilt dasselbe wie für Kapseln, und zwar aus demselben Grund. Wenn im Körper kein Weg von Diosgenin zu Progesteron führt, ändert es nichts, ob der Stoff über den Darm oder über die Haut ankommt. Der fehlende Schritt fehlt in beiden Fällen.
Die andere Yamswurzel: Shan Yao
Und jetzt der Teil, der in deutschen Ratgebern fast vollständig fehlt.
Zunächst eine botanische Klarstellung, die viel erklärt. Die Wild Yam der Nahrungsergänzungsregale ist Dioscorea villosa aus Nordamerika. Markers Rohstoff war eine mexikanische Art. Und die Yamswurzel der chinesischen Medizin ist Dioscorea opposita, die Chinesische Yamswurzel, dort Shan Yao genannt — wörtlich Bergarznei. Drei Kontinente, drei Arten, ein deutscher Sammelbegriff.
Shan Yao gehört zum festen Bestand der chinesischen Materia Medica. Sie gilt als süß im Geschmack und neutral im Temperaturverhalten und wirkt auf Milz, Lunge und Niere. Eingesetzt wird sie, um Qi und Yin zu stärken und das Jing zu festigen — jene Substanz, deren Abnahme die chinesische Medizin dem Übergang in die zweite Lebenshälfte zugrunde legt.
Von einer Hormonvorstufe ist an keiner Stelle die Rede. Das Konzept existiert in diesem Denkgebäude überhaupt nicht.
Sechs Kräuter, von denen drei bremsen
Am deutlichsten wird der Unterschied an der Rezeptur, in der Shan Yao am bekanntesten auftritt: Liu Wei Di Huang Wan, im Deutschen meist Sechs-Kräuter-Pille mit Rehmannia. Sie geht auf den Kinderarzt Qian Yi zurück und wurde 1119 veröffentlicht — ursprünglich für Kinder gedacht, heute eine der meistverwendeten Rezepturen Ostasiens und der Klassiker bei nachlassendem Nieren-Yin.
Sie enthält sechs Bestandteile. Drei davon stärken: gedämpfte Rehmannia, Kornelkirsche und eben Shan Yao. Die anderen drei — Alisma, Pfingstrosenrinde und Poria — leiten aus, kühlen und lösen. In der chinesischen Fachsprache heißt dieses Bauprinzip drei Tonisierungen, drei Ableitungen.
Die Hälfte der Rezeptur ist also dafür da, die andere Hälfte im Zaum zu halten. Wer nur stärkt, erzeugt Stau. Genau deshalb steht Shan Yao dort niemals allein.
Man kann die beiden Umgangsweisen mit derselben Pflanzengattung kaum schärfer gegenüberstellen. Im Westen wird eine Wurzel isoliert, mit einem Wirkversprechen versehen und einzeln verkauft. In der chinesischen Tradition ist sie ein Sechstel einer neunhundert Jahre alten Zusammenstellung, in der die Hälfte der Zutaten als Gegengewicht dient.
Was Du daraus mitnehmen kannst
Wenn auf einer Packung steht, die Yamswurzel liefere natürliches Progesteron, weißt Du jetzt, dass dieser Satz einen Schritt überspringt, den es im Körper nicht gibt. Das ist ein guter Prüfstein für die Seriosität eines Anbieters insgesamt.
Wenn Dich die chinesische Lesart interessiert, dann geht es dort um Milz und Niere, um Qi und Yin — und immer um eine Zusammenstellung, in der die Wurzel eine Stimme unter mehreren ist.
Und wenn Du bereits ein Yams-Präparat nimmst und damit zufrieden bist: Es gibt keinen Grund, das schlechtzureden. Nur die Begründung stimmt anders, als sie auf der Packung steht.
Vorsicht ist dort angebracht, wo ein Präparat gerade wegen dieses Versprechens als Ersatz für eine ärztlich verordnete Therapie angeboten wird. Wer sein Progesteron aus medizinischen Gründen bekommt, hat mit einer Yams-Kapsel nichts Vergleichbares in der Hand.
Zum Schluss
Diese Pflanze hat der Medizin mehr gegeben als fast jede andere. Ohne sie sähe die Hormontherapie des zwanzigsten Jahrhunderts anders aus. Sie hat es verdient, dass man richtig über sie spricht.
Der Mythos vom pflanzlichen Progesteron schadet ihr am Ende selbst. Wer ihn glaubt und enttäuscht wird, wendet sich von der Pflanzenheilkunde ab — und übersieht dabei, was die Yamswurzel in ihrer eigenen Tradition seit Jahrhunderten tatsächlich tut.
Über den Autor
Mourad Bihman
Heilpraktiker seit 2002 und hat Chinesische Medizin in Europa und Asien studiert. Über fünfzehn Jahre eigene Praxis in Berlin, dazu Tätigkeit als Ausbilder und Seminarleiter für Chinesische Medizin. Er lebt mit Rasa Loga in der Lauenburgischen Seenlandschaft und ist Mitinhaber einer Manufaktur für pflanzliche Extrakte und Tinkturen.
Transparenzhinweis: Ich stelle mit den Mondkräutern selbst zwei Kräuterbitter her, in denen unter anderem Mönchspfeffer und Frauenmantel enthalten sind. Ich schreibe hier also auch über Pflanzen, die in meinen eigenen Rezepturen vorkommen. Ich halte es für richtig, dass Du das weißt, wenn Du meine Einschätzungen liest.
Quellen
- Verbraucherzentrale: Bockshornklee und Wild Yams in den Wechseljahren.
- American Chemical Society, National Historic Chemical Landmarks: The „Marker Degradation" and Creation of the Mexican Steroid Hormone Industry.
- Bensky D, Clavey S, Stöger E: Chinese Herbal Medicine – Materia Medica. 3. Auflage, Eastland Press, Seattle 2004.
- Bensky D, Barolet R: Chinese Herbal Medicine – Formulas & Strategies. 2. Auflage, Eastland Press, Seattle 2009.
Dieser Beitrag dient der allgemeinen Information und ersetzt keine ärztliche Beratung, Diagnose oder Behandlung. Bei anhaltenden oder starken Beschwerden wende Dich bitte an Deine Ärztin oder Deinen Arzt.